amardi

Ambivalenter Marketing-Diskurs

Auslese

Schleichender Qualitätsverlust

21 06 2006

Ich hatte das Glück, meine Ausbildung 1987 beginnen zu können. Es war eine Zeit, in der die Faxmaschine (1988 im Ausbildungsbetrieb angeschafft) den größten Fortschritt in der Interfirmenkommunikation darstellte (davor war es Telex bzw. Teletex - letzteres hatten natürlich nur die großen Unternehmen).

Es war eine Zeit, in der sehr sorgfältig gearbeitet werden musste. Die AEs tippte ich auf einer elektronischen Schreibmaschine ohne Speicherfunktion. Einmal vertippt, und der Durchschlag war versaut (grober Schnitzer). Rechnungen wurden auf einem elektromechanischen Ungetüm geschrieben, und sie sollten tunlichst keine Tipp-Ex-Eskapaden aufweisen. Das Hauptmedium für die Kommunikation mit Kunden war der Brief. Da hatte man - im Gegensatz zum Telefonat - noch was in der Hand. Entsprechend sorgfältig wurden Anfragen gelesen, um keine zeitraubenden Hin-und-her-Schreibereien aufkommen zu lassen.

Printwerbung von KMU war meist in schwarzweiß und sehr langweilig, aber wenigstens informativ. Die Druckvorlagen wurden sorgfältigst in Reproanstalten produziert und konnten vom Kunden noch einmal überprüft werden.

Seitdem fällt mir ein stetiger, von Jahr zu Jahr kaum wahrnehmbarer Qualitätsverlust in der Arbeitsleistung auf. Anfragen werden manchmal nur halb gelesen und vielleicht auch mal mit dem Angebot für ganz andere Produkte beantwortet, Rechnungen klatscht lieblos und ohne Zutun das ERP aus dem Drucker, in eMails befleißigt sich jeder einer Grammatik, bei deren Lektüre es dem Leser die Schuhe auszieht, und Pressemeldungen strotzen nur so vor ehemaligen Tabuelementen wie “optimal” oder in superlativer Euphorie gar “optimalst”.

Im Marketing (oder besser gesagt in der Werbung) geht es hauptsächlich (oder zumindest oftmals) nur noch um möglichst viel Rabbatz, Krawall und Aufmerksamkeit. Pfründe sichern, Heilsbotschaften verkünden, ominöse Markenwelten schaffen, Pseudonutzen versprechen und das Produkt an sich völlig aus den Augen lassen.

Die Konsequenzen sind, Fans in Unterhosen (gefunden bei Silke), oder dass fast jeder Werbetreibende denkt “He, es ist Fußball-WM! Bestimmt eine gute Idee, unsere Werbung und Produkte entsprechend auszurichten. Macht bestimmt kein anderer!” (Beispiele bei Zorno: 1 2). Oder dass dutzendfach webzwonullige Business-Blogs mit webeinsnulligen Texten ihre Leser suchen? Zielgerichtet, ok, aber nicht unbedingt sympathisch.

Deshalb schreibe ich weiter langweilige, un’optimale’ Pressemeldungen, die Produktmerkmale und Nutzen enthalten, von denen ich glaube, dass sie auch ankommen. Und hoffe, dass ich nicht einfach nur alt und spießig geworden bin.

<EOF>